Stefan Lüddemann

In den Weltzonen der Zeichen

Zu neuen Bildern von Helle Jetzig

 

aus: realities – Helle Jetzig, Rasch Verlag Bramsche 2007

Realität scheint dem Betrachter aus diesen Bildern entgegen zu strahlen. Und in Realität – zumal die einer globalisierten Welt – scheinen diese Werke regelrecht hinein zu ziehen. Plätze und Passanten, Werbung und Wohnblocks: Helle Jetzigs Bilder verführen als perfekte Kompressionen des urbanen Lebensstils und seiner glitzernd glatten Oberfläche. Überall Bewegung und simultane Räume, schneller Wechsel der Blicke und Bewegungsrichtungen, dazu das unaufhörlich in sich selbst kreisende Alphabet der Signets und Zeichen, die jede dieser Szenerien lesbar erscheinen lassen und ihnen zugleich doch auch eine Aura undurchdringlichen Geheimnisses verleihen. Diese Bilder entsprechen selbst dem Leben, das sie scheinbar so umstandslos abbilden, in vollkommener Weise. Denn diese Bilder besitzen die Schönheit der makellosen Glätte, den Reiz attraktiver Farbigkeit – und sie sehen geradezu unverschämt gut aus. Gründe für eine leichte Annäherung? Natürlich nicht. Und dabei geht es nicht allein um die Abgründe, die eine allzu perfekte Schönheit stets insgeheim bereithält. Denn Helle Jetzigs Bilder verwöhnen und frustrieren zugleich, sie öffnen und verschließen sich beinahe im Sekundentakt.

Wenn der Künstler seine Werke mit dem Titel „Realities“ versieht, dann beschreibt er damit nicht einfach eine Motivwelt oder gar einen Modus der Darstellung. Mit diesem Titel entfaltet Jetzig ein ironisches Spiel, denn seine Bilder schließen Wirklichkeit nirgends auf, sondern scheinen sie eher zu verschließen. Seine Bilder sind versiegelt – und das nicht nur mit einer Schicht Kunstharz, die jedem dieser Werke den Anschein definitiver Abgeschlossenheit gibt und sie zugleich zur properen Ware in den Zirkulationen des Kunsthandels macht. Also, eine Kunst ohne Tiefe und Hintersinn, nichts als Oberfläche? Natürlich bezieht sich auch diese Vermutung auf Resultate von Beobachtungen und führt doch zu völlig falschen Schlussfolgerungen. Denn Helle Jetzig ist eben kein Metropolen-Fotograf, kein bloßer Flaneur in den Großstädten dieser Erde, sondern ein Compositeur von Bildwelten, die Wirklichkeiten in ungewöhnlich dichter Zusammenballung vorführen und dabei doch nur eines sind – unübertreffbar künstlich.

Noch einmal: „Realities“. Wer diesen Titel ernst nimmt, muss davon ausgehen, dass Jetzig die Wirklichkeit immer nur als multiples und damit vielfach aufgefächertes Phänomen sehen kann. Damit ist nicht allein auf die zeitliche Erstreckung eines Arbeitsprozesses verwiesen, den der Künstler ebenso wie dessen Resultate mit diesem Titel versieht. Damit ist auch gemeint, dass Wirklichkeiten hier nur als Doppelsinn zu haben sind. Denn sie meinen die Bildinhalte ebenso wie die Techniken ihrer Herstellung. „Realities“ – das sind die turmhaft aufgeschichteten und vielfach in sich verschachtelten Stadtschluchten, in die Jetzig den Betrachter mit jedem seiner Bilder geradezu unvermittelt und schockartig hinein stößt. Das sind aber auch die künstlerischen Techniken, die jeweils eigene Wirklichkeit haben und diese zugleich als bildproduzierende Verfahren erzeugen. Wer diese Bilder betrachtet, wird stets in doppelter – und dabei entgegengesetzter – Richtung unterwegs sein. Er wird jede dieser gigantischen Szenerien als simultanes Ereignis von größter Dichte durchleben und dann doch versuchen, sich über das Gesehene Rechenschaft abzulegen, indem er die Schichtungen sezierend auseinander faltet, die sich in jedem dieser Kunstwerke offenbar untrennbar miteinander verbunden haben.

Rausch und Reflexion verbinden sich deshalb nahezu untrennbar in der Rezeption dieser Werke, die stürmisch erlebt und gründlich durchdacht werden können. Jetzigs Werke sind Bilder der Globalisierung – auf der Ebene der Bildinhalte und zugleich, womöglich noch mehr, auf der Ebene der Bildherstellung, die diese Arbeiten erst eigentlich zu ganz und gar zeitgenössischen und zeitgemäßen Bildern werden lässt. Jetzig bildet die Wirklichkeit der zu einer einzigen Binnenzone verdichteten Welt nicht einfach ab, sondern macht sie fassbar, indem er den Modus der Darstellung vorführt, der ihr entspricht. Dieser Modus enthält simultane Verschaltungen eigentlich getrennter Topographien ebenso wie eine rasante Beschleunigung des Lebensgefühls und die nicht mehr umkehrbare Fiktionalisierung der Bildwelten – und damit unmittelbar auch des Lebensgefühls der Bewohner der Lebenswelten, die diesen Bildwelten als Material zugrunde liegen. Helle Jetzig ist auf diese Weise kein Reporter der Globalisierung, sondern ihr Bildtheoretiker.

Die Bildproduktion mag ein Kombinations- und Reflexionsprozess sein, doch Helle Jetzig beginnt diesen Prozess als Sammler. Am Anfang seiner ganz eigenen und überaus komplexen Prozedur der Bildherstellung stehen Reisen in Metropolen der Welt. Dort gewinnt Jetzig sein Ausgangsmaterial, indem er Straßenszenen und andere Orte fotografiert. Um prominente Gebäude, gar Sehenswürdigkeiten geht es ihm nicht, eher schon um bildnerisches Rohmaterial, das bereits auf dieser ersten Stufe des Arbeitsprozesses auf seine formalen Qualitäten hin geprüft und vorsortiert wird. Insofern entspricht Jetzig auch nicht wirklich dem Bild des Flaneurs, der die Großstadt absichtslos durchstreift und seine Beobachtungen wie kleine Entdeckungen feiert. Jetzig ist eher nüchterner Materialbeschaffer, der mit visuellen Fundstücken im Gepäck die Heimreise antritt. Im Atelier wählt der Künstler aus den vielen Bildern gewünschte Szenen aus, entwickelt sie und zieht die Abzüge auf Holzkästen auf, die unter anderem dafür sorgen, das jedes von Jetzigs Bildern in der Ausstellung auch als Objekt und damit als gegen seine Umgebung abgeschlossener Solitär erscheint. Die praktische Seite dieser Bildträger: Mit ihrer stabilen Konstruktion halten sie die Spannungen aus, die mit den Arbeitsgängen des Aufziehens gewässerter Fotoabzüge und der mehrfachen Lackierung auftreten. Die aufgezogenen Fotos werden nicht nur in Collagen überblendet, sie bieten mit ihren geometrischen Mustern auch eine Struktur, auf die sich der Künstler mit seiner freien Malerei beziehen kann. Die Fotos liefern auf diese Weise zweierlei – Wirklichkeitsbilder und Widerstände für die Malerei, die mit ihren giftig-aggressiven Farbtönen die Straßenszenen, die vornehmlich in den USA und Asien aufgenommen wurden, in ein Licht unwirklicher Fremdheit tauchen. In einer nächsten Schicht legt Jetzig strukturierte Muster in der Technik des Siebdrucks auf die Darstellung. Hinzu kommen mehrere Schichten von Lacken sowie zuletzt ein Abschluss mit Kunstharz, das die Darstellung gleichsam konservierend versiegelt.

Der Betrachter schaut deshalb nicht nur wie durch ein Fenster auf die Bilddarstellung. Er sieht sich auch einem komplex verschränkten Bildkonstrukt gegenüber, dessen vermeintliche Tiefe ganz auf der Oberfläche der Darstellung liegt. Wo ein Oben und Unten, ein Davor und Dahinter niemals zuverlässig auszumachen ist, schwinden auch eindeutige Orientierungen im Raum. Jetzig zeigt einen Stadtraum, der so spannungsgeladen ist, als sei er der angehaltene Moment aus einem Kinofilm. Doch er öffnet sich nicht wie eine offene Szenerie, die zumindest die Illusion vermittelt, sie könne betreten werden. Gebäude enden im Nichts, Fassaden überblenden sich zu seltsamen Hybriden einer nie gesehenen Architektur, Werbebotschaften schweben unvermittelt im Raum, Passanten eilen ins Nirgendwo, kurz, diese Stadtlandschaften simulieren Topographien und die mit ihnen verbundenen Orientierungen. Indem Jetzig aus vielen realen Schauplätzen der Welt einen irrealen baut, den es nur im Bild gibt, verleiht er allgegenwärtiger Beschleunigung ihre adäquate Darstellung. Wir sehen mit diesen Bildern, was den Vielfliegern nach all ihren Trips und Stippvisiten im Gedächtnis bleibt; wir erblicken auch, was Fernsehen und Internet an simultanen Bildwelten in solcher Überfülle ausbreiten, dass der Betrachter nur noch das Zapping als neue Kulturtechnik im Umgang mit Bildern bleibt. Helle Jetzig zwingt in seinen Bildern zusammen, was andere Medien in zeitlicher Erstreckung darbieten.

Natürlich darf dieser Künstler nicht als Medienkritiker missverstanden werden. Jetzig hält keine Plädoyers gegen die Vermüllung der Bildschirme und Displays, er beklagt nicht die überall spürbare Beschleunigung des Lebensgefühls. Seine Bilder sind – ganz gegen den ersten Anschein – nüchterne Notate der Zeit, in der sie entstanden sind. Zugleich weisen sie in geschichtliche Zusammenhänge der Kunst zurück. Ganz offensichtlich speist sich diese Bildwelt aus dem Erbe des Surrealismus. Die Montage des Heterogenen, mit dem überhaupt erst geheime Querverbindungen sichtbar werden – Helle Jetzig wendet diese surrealistische Methode gekonnt, weil diskret in seinen Bildern an. Und er trägt das Erbe der Semiotik weiter, weil er Stadträume nicht als Ensembles von Architekturen, sondern als Vokabulare von Zeichen zeigt, die keinen festen Ort benötigen, um dem Passanten erscheinen zu können. Der urbane Kosmos als Universum der Zeichen: Mit dieser Anlage erweisen sich Jetzigs Werke als Repräsentanten eines medialen Zeitalters. Denn seine Bilder stellen eigentlich nichts wirklich dar, sondern sind Anordnungen von visuellen Signalen, die wir Betrachter – ganz routinierte Mediennutzer – auf Passungen und Informationsgehalte hin abtasten. So verwandeln sich in unserem Blick Motive in Aufmerksamkeitszonen – und Helle Jetzigs Bilder in perfekte Anlässe, unsere medialen Gewohnheiten selbst in den Blick zu nehmen. Es ist nicht der geringste Hintersinn dieser künstlerischen Position, dass sich diese Leistung einer Bildproduktion verdankt, die in nicht unerheblichem Maß manuelle Arbeit beinhaltet. Fotografieren, collagieren, malen, drucken, lackieren – jedes von Jetzigs Bildern ist auch eine Komposition aus vielen, teilweise gar kontroversen künstlerischen Techniken. Soviel Handarbeit stellt sich mitten im digitalen Zeitalter nicht als Anachronismus dar. Diese Bildproduktion entspricht nur vollkommen einer medialen Welt im Zustand expansiver Aufsplitterung. Und die ist ohne vielfältige Gegenläufigkeiten nicht zu denken.